Geschichte

Eintauchen in Jahrhunderte Musikgeschichte

Mit ihrer seit 1570 bestehenden Tradition gehört die Staatskapelle Berlin zu einem der ältesten Orchester weltweit. Zunächst war sie ausschließlich der Musik zu Hofe verpflichtet. Als Friedrich der Große 1742 jedoch die Königliche Hofoper, die heutige Staatsoper, gründete und mit der Kapelle zusammenführte, erweiterte sich der Wirkungskreis und die Erfolgsgeschichte begann.

Der besondere, dunkle und warme Klang der Staatskapelle, den Kenner rühmen, ist aus der langen Tradition gewachsen; die größten Dirigenten ihrer Zeit prägten die instrumentale und interpretatorische Kultur des Orchesters. Die Staatskapelle Berlin ist ein wesentlicher Bestandteil des künstlerischen Profils der Staatsoper: Sie trägt den Großteil der Opern- und Ballettaufführungen und führt in eigenständigen Konzertreihen große sinfonische Werke von der Klassik, Romantik und klassischen Moderne bis zur zeitgenössischen Musik inklusive Uraufführungen auf, außerdem ein breites stilistisches Spektrum von Kammermusik. Seit 1992 leitet Daniel Barenboim als Generalmusikdirektor die Staatskapelle Berlin.

1570

Die erste Kapellordnung wird vom brandenburgischen Kurfürsten Joachim II. Hektor erlassen.

1608

Johannes Eccard, einer der prominentesten Komponisten seiner Zeit, wird als Kapellmeister nach Berlin berufen. Sein Nachfolger Nikolaus Zangius, dem von 1612 bis 1618 die Leitung obliegt, erhöht die Zahl der Musiker deutlich.

1648

Infolge des für die Mark Brandenburg verheerenden Dreißigjährigen Krieges wird die Berliner Hofkapelle stark dezimiert, aber nicht aufgelöst. Unter dem »Großen Kurfürsten« Friedrich Wilhelm I. erfolgt ein neuer Aufschwung.

1684

Im Berliner Schloss finden unter Beteiligung der Hofkapelle die ersten Opernaufführungen statt.

1738

Carl Philipp Emanuel Bach wird als Cembalist in die Hofkapelle aufgenommen.

1740

Nach seiner Thronbesteigung beauftragt Friedrich II. den Architekten Georg Wenzeslaus Knobelsdorff, ein Opernhaus in der Allee Unter den Linden zu errichten.

1742

Die königlich-preußische Hofkapelle findet im neuen Opernhaus Unter den Linden ihr Zuhause. Zur Eröffnung wird Carl Heinrich Grauns Oper Cleopatra e Cesare gegeben. Die Hofkonzerte leitet Johann Joachim Quantz, der Flötenlehrer Friedrichs II.

1783

Eine erste Konzertserie unter Hofkapellmeister Johann Friedrich Reichardt wird ins Leben gerufen

1806

Nach Preußens Niederlage gegen Napoleon werden vorerst keine Vorstellungen in der Hofoper mehr gegeben. Die Hofkapelle wird verkleinert, spielt aber weiterhin im Nationaltheater am Gendarmenmarkt.

1820

Gasparo Spontini wird erster preußischer »General-Music-Director«. Während seiner 21-jährigen Amtszeit erhöht er die Zahl der Orchestermitglieder auf 94 und steigert auch die Qualität des Orchesters beträchtlich.

1821

Carl Maria von Webers Oper Der Freischütz wird im neu erbauten Schinkelschen Schauspielhaus am Gendarmenmarkt uraufgeführt. Es spielt die Berliner Hofkapelle.

1829

Mitglieder der königlichen Hofkapelle sind gemeinsam mit der Sing-Akademie an der ersten Aufführung von Bachs Matthäuspassion im 19. Jahrhundert beteiligt. Der junge Felix Mendelssohn Bartholdy dirigiert diese musikgeschichtlich hochbedeutsame Wiederentdeckung.

1842

Mit der ersten »Symphonie-Soiree« beginnen die regelmäßigen Sinfoniekonzerte der Hofkapelle in Berlin. Sie werden in diversen Spielstätten abgehalten, vornehmlich im Apollo-Saal der Lindenoper. Der berühmte Opernkomponist Giacomo Meyerbeer wird zum neuen Generalmusikdirektor berufen.

1843

In der Nacht vom 18. zum 19. August brennt das Opernhaus bis auf die Grundmauern ab.

1844

Im Januar dirigiert Richard Wagner die Berliner Erstaufführung seines Fliegenden Holländer. Am Ende des Jahres eröffnet das wieder aufgebaute Haus Unter den Linden mit der Uraufführung von Meyerbeers Ein Feldlager in Schlesien.

1898

Richard Strauss wird Hofkapellmeister, ab 1908 Generalmusikdirektor. Mehr als 1.000 Mal wird er das Orchester bei Opern- und Konzertaufführungen dirigieren.

1918/19

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreiches geht die Trägerschaft der Hofkapelle auf das Land Preußen über. Das Orchester heißt fortan Staatskapelle Berlin.

1920

Für zwei Jahre dirigiert Wilhelm Furtwängler die Sinfoniekonzerte. Unter der Intendanz des Komponisten und Dirigenten Max von Schillings (bis 1925 im Amt) beginnt der künstlerische Höhenflug von Staatsoper und Staatskapelle.

1923

Der neu berufene Generalmusikdirektor Erich Kleiber dirigiert am 5. Dezember sein erstes Sinfoniekonzert. Die Uraufführung von Alban Bergs Wozzeck unter Kleibers Leitung 1925 wird zu einem Meilenstein der Kulturgeschichte der Weimarer Republik.

1933

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten werden zahlreiche jüdische Solisten, Dirigenten und Orchestermusiker in die Emigration getrieben. Wilhelm Furtwängler wird Operndirektor.

1940

Herbert von Karajan dirigiert bis 1945 die Sinfoniekonzerte der Staatskapelle. Zuvor hatte er bereits als Operndirigent im Haus Unter den Linden große Erfolge feiern können.

1945

Die Lindenoper wird am 3. Februar abermals zerstört. Die letzten Sinfoniekonzerte während des Krieges finden an verschiedenen Spielstätten, u. a. im Schauspielhaus, statt.

Nur wenige Wochen nach der »Stunde Null« tritt die Staatskapelle wieder mit Konzerten in Erscheinung. Am 30. Juni beginnt die »Deutsche Staatsoper Berlin« im Admiralspalast in der Friedrichstraße mit ihrem Spielbetrieb im zerstörten Berlin.

1952

Die Familie Barenboim zieht von Argentinien nach Israel. Als Pianist tritt Daniel Barenboim erstmals in Wien und Rom auf.

1953/54

Daniel Barenboim nimmt in Salzburg an Dirigierklassen von Igor Markevich teil. Er lernt Wilhelm Furtwängler kennen, der ihn zu Auftritten mit ihm und den Berliner Philharmonikern einlädt. Es folgen erste Schallplattenaufnahmen als Pianist.

1955

Nach Konflikten mit den politischen Amtsträgern tritt Erich Kleiber als künstlerischer Leiter der Staatsoper zurück. An seiner Stelle wird Franz Konwitschny zum geschäftsführenden Generalmusikdirektor ernannt. Am 4. September dirigiert Konwitschny die Eröffnungspremiere (Wagners Die Meistersinger von Nürnberg) der wiedererrichteten Lindenoper.

1964

Der Österreicher Otmar Suitner wird zum Generalmusikdirektor berufen, bis 1990 wird er dieses Amt ausüben. Die Staatsoper steht unter der Intendanz von Hans Pischner, der mit seinem Team einen ausgewogenen Spielplan von Klassikern des Repertoires (vor allem Mozart, Wagner, Verdi und Strauss) und Zeitgenössischem (u. a. Werke von Dessau, Schostakowitsch, Penderecki) realisiert.

Daniel Barenboim gibt sein Berlin-Debüt mit den Berliner Philharmonikern unter Pierre Boulez mit Bartóks Klavierkonzert Nr. 1.

1991

Daniel Barenboim wird Künstlerischer Leiter und Generalmusikdirektor der Staatsoper, Intendant ist Georg Quander. Am 30. Dezember gibt Daniel Barenboim sein erstes Konzert mit der Staatskapelle und Beethovens 9. Sinfonie. Zudem tritt er sein Amt als Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra an, das er bis 2006 ausübt.

1996

Die jährlich zu Ostern stattfindenden FESTTAGE mit prominent besetzten Opern- und Konzertaufführungen werden von Daniel Barenboim ins Leben gerufen. Die erste zyklische Aufführung der neuen Ring-Produktion steht im Mittelpunkt.

1999

Daniel Barenboim gründet gemeinsam mit Edward Said das West-Eastern Divan Orchestra, das junge Musiker aus Israel, Palästina und den arabischen Ländern jeden Sommer zusammenführt.

2000

Die Staatskapelle Berlin wird erstmals von der »Opernwelt« zum »Orchester des Jahres« gewählt. Große sinfonische Zyklen werden sowohl in Berlin als auch in internationalen Musikzentren (u. a. in Wien, London und New York) präsentiert.

Die Musiker der Staatskapelle wählen Daniel Barenboim zum »Dirigenten auf Lebenszeit«.

2007

Zum ersten Mal gibt es »Staatsoper für alle« in Zusammenarbeit mit BMW Berlin, bestehend aus der Live-Übertragung einer Musiktheateraufführung aus dem Opernhaus sowie einem Oper-Air-Konzert der Staatskapelle auf dem Bebelplatz.

2010

Aufgrund der umfassenden Rekonstruktion des Hauses Unter den Linden ziehen Staatsoper und Staatskapelle in ihr Ausweichquartier, das Schiller Theater in Charlottenburg. Unter der Intendanz von Jürgen Flimm wird ein ambitionierter Spielplan entwickelt, der stärker als bislang Modernes und Zeitgenössisches mit einbezieht. Die Werkstatt des Schiller Theaters wird zum Ort für zeitgenössische Kammeroper sowie Musiktheater für Kinder und Jugendliche.

2011

Daniel Barenboim wird Musikdirektor der Mailänder Scala (bis 2014). Mit einer Neuproduktion von Wozzeck beginnt die systematische Erarbeitung der Musiktheater- und Orchesterwerke von Alban Berg. Im Wiener Musikverein präsentieren Daniel Barenboim und die Staatskapelle einen Zyklus mit allen Sinfonien Anton Bruckners.

2013

Die neue Ring-Produktion, in Zusammenarbeit mit der Mailänder Scala seit 2010 im Entstehen begriffen, wird zu den FESTTAGEN erstmals zyklisch aufgeführt. Konzertant spielen die Staatskapelle Berlin und Daniel Barenboim Wagners Ring-Tetralogie höchst erfolgreich auch bei den Londoner »Proms«.

2015

Die FESTTAGE bringen erneut eine »Hommage à Pierre Boulez« anlässlich des 90. Geburtstages des großen Komponisten und Vordenkers der Neuen Musik. Ein Alban-Berg-Zyklus versammelt Aufführungen der beiden Opern und des gesamten sinfonischen Werks im Schiller Theater und in der Philharmonie. 

III. Auf dem Weg zum großen Opern- und Sinfonieorchester: Die Königlich Preußische Hofkapelle von 1811 bis 1918

Symposion vom 26. 27. 28. Januar 2018
im Schloss Charlottenburg und Apollo-Saal der Staatsoper Unter den Linden

175 Jahre bereits zählt die Sinfoniekonzertreihe der Staatskapelle Berlin, das Orchester selbst ist jedoch weit älter. Legt man das erste erhaltene Dokument zugrunde – eine Kapellordnung, die der kurbrandenburgische Kurfürst Joachim II. Hektor 1570 erlassen hat –, so steuert das Berliner Traditionsorchester auf das 450. Jahr seines Bestehens zu. 2020 wird es soweit sein – bis dahin ist Zeit und Gelegenheit, die Geschichte dieses einzigartigen Ensembles zu erforschen und zu beleuchten, von seinen Anfängen bis in die Gegenwart hinein. Mittel zum Zweck ist eine Serie von internationalen, interdisziplinären Symposien, die seit 2015 stattfindet und in der Spielzeit 2017/18 fortgesetzt wird.
Das Symposion Nr. 3, diesmal in Kooperation mit der Humboldt-Universität zu Berlin und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, nimmt das »lange 19. Jahrhundert « in den Blick, in dem die Königlich Preußische Hofkapelle, die ab 1919 den heutigen Namen Staatskapelle Berlin tragen wird, sukzessive zu einem großbesetzten Opern- und Sinfonieorchester ausgebaut wird. Als für die Historie der Berliner Hofkapelle entscheidende Eckdaten sind hierbei die 1811 erfolgte Vereinigung der Orchester der Hofoper Unter den Linden mit dem Orchester des Nationaltheaters am Gendarmenmarkt sowie das Ende des 1. Weltkriegs und des Deutschen Kaiserreichs 1918 gewählt worden. In diese Zeit fällt auch das Wirken so bedeutender Protagonisten wie Gaspare Spontini, Carl Maria von Weber, Felix Mendelssohn Bartholdy und Giacomo Meyerbeer, die die Entwicklung von Hofoper und Hofkapelle während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entscheidend vorangetrieben haben. Ein markantes Ereignis war 1842 die Einführung regelmäßig veranstalteter Sinfoniekonzerte, die über alle Umbrüche hinweg bis heute fortgeführt werden. Bis in die Zeit des 1. Weltkriegs hinein haben prominente Dirigenten wie Joseph Sucher, Felix von Weingartner, Karl Muck, Leo Blech und vor allem Richard Strauss den hervorragenden Ruf der Königlich Preußischen Hofkapelle nachhaltig festigen können.
Wie bereits in den beiden vorangegangenen Symposien soll die Geschichte der Königlich Preußischen Hofkapelle erneut im engen Zusammenhang mit der Berliner Stadtgeschichte sowie der allgemeinen Kultur- und Sozialgeschichte betrachtet werden – immerhin war das Orchester doch auch ein Instrument zur Repräsentation der Herrschenden, ob nun bei den Preußenkönigen Friedrich Wilhelm III., Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm I. (ab 1871 Deutscher Kaiser) oder in der Wilhelminischen Ära. Gerade während dieser drei Jahrzehnte von 1888 bis 1918 entwickelte sich die Königlich Preußische Hofkapelle zu jenem modernen Orchester, das in seinen Grundstrukturen bis heute Bestand hat. Die großen Werke von Wagner und Strauss gehen in dieser Zeit in das Repertoire ein, außerdem wird eine intensive Pflege der »Klassiker« initiiert, der sich die Lust auf das Neue zur Seite stellt. Insofern ist der Blick in die Geschichte immer auch ein Spiegel des Gegenwärtigen.

 

II. »Krisen- und Blütezeiten: Die Entwicklung der Königlich Preußischen Hofkapelle von 1713 bis 1806«

Symposion vom 7. – 9. Oktober 2016 in Berlin

Tagungsbericht

› H / SOZ / KULT

Unter dem Titel »Krisen- und Blütezeiten: Die Entwicklung der Königlich Preußischen Hofkapelle von 1713 bis 1806« nimmt das Symposion das 18. Jahrhundert von der Auflösung der Königlich Preußischen Hofkapelle 1713 bis hin zum Zusammenbruch des »alten« Preußens 1806 in den Blick. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der weniger gut erforschten Zeit der Hofkapelle und Hofmusik vor und nach König Friedrich II. und hier insbesondere auch auf der Hofmusik an den Nebenhöfen. Da die Entwicklungslinien der Königlich Preußischen Hofkapelle im 18. Jahrhundert in ihrem sozio-politischen Kontext erfasst werden sollen, dürfen die Krisenzeiten nicht isoliert von ihrer Blütezeit betrachtet werden.

Das Programm gliedert sich in drei Abschnitte: die Hofmusik der Nebenhöfe, die Hofmusik zur Regierungszeit König Friedrichs II. und die Hofmusik im politischen und gesellschaftlichen Umbruch. Akzente werden im Bereich der Hofmusikforschung in Bezug auf aktuelle Forschungstendenzen zu Gender, Kulturtransfer, Migration und Nostalgie gesetzt.

Das interdisziplinäre Symposion vernetzt Spezialisten aus dem In- und Ausland, organisiert als Kooperation der Staatsoper im Schiller Theater Berlin mit der Universität Bayreuth und der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Ergänzt wird das Programm durch ein Konzert des Ensembles Preußens Hofmusik mit Musik aus der Zeit König Friedrichs II im Weißen Saal von Schloss Charlottenburg und eine Schlossführung.

› Programm

 

I. Die Entwicklung der Hofmusik von der kurfürstlichen Kapelle von Brandenburg zum Hoforchester des ersten Königs in Preußen

SYMPOSION VOM 16. – 18. OKTOBER 2015 IN BERLIN

Pressestimmen

› H / SOZ / KULT
› Golden Pages

»SPURENSUCHE« Erste Tagungsdokumentation »450 Jahre Staatskapelle Berlin«
› Die Dokumentation dieser Konferenz ist auf perspektivia.net online frei zugänglich.

 

Ein erster Rückblick und ein zweiter Ausblick

Im Herbst 2015, im 445. Jahr des Bestehens der Staatskapelle Berlin — legt man einmal das Datum der Ersterwähnung der kurbrandenburgischen Hofkapelle im Jahr 1570 zugrunde — wurde der Auftakt gegeben, im Herbst 2016 folgt die Fortsetzung: Mit Blick auf das 2020 anstehende 450-jährige Jubiläum widmet sich unser Orchester seiner Geschichte. Nachdem zunächst die Ursprünge und die ersten, quellenmäßig noch nicht sonderlich gut belegten Phasen der Kapellhistorie in Augenschein genommen waren (die Kurfürstenzeit sowie das Musikleben unter dem ersten preußischen König Friedrich und seiner kunstsinnigen Gemahlin Sophie Charlotte am Ende des 17. und zu Beginn des 18. Jahrhunderts), rücken nun geschichtliche Entwicklungszüge in den Fokus, die insgesamt vertrauter und spürbar »näher« erscheinen, sowohl chronologisch als auch mental. War die Berliner Hofkapelle in ihren Anfängen noch ein vergleichsweise bescheidenes gemischtes Ensemble aus Sängern und Instrumentalisten, so verändert sich unter der Regentschaft König Friedrichs II.( »des Großen«) die Struktur und Besetzungsstärke, aber auch die Funktion des Klangkörpers klar und deutlich: Die Königlich Preußische Kapelle wird peu à peu zu einem »richtigen« Orchester.

Ein wesentlicher Punkt war hierbei der Bau der Hofoper Unter den Linden, der die Kapelle erstmals in ihrer Geschichte an ein Haus — und zumal eines von merklich repräsentativem Charakter — band. Wenngleich auch seit der Eröffnung des Gebäudes 1742 das Musizieren für Oper und Ballett zu einer zentralen Aufgabe wurde, so blieben doch weitere Aktivitäten essentiell, bei Hofe wie in den aufblühenden Residenzstädten Berlin und Potsdam. Kirchen-, Tafel- und Jagdmusik, die selbst bei dem bekanntlich nur wenig musikaffinen Vater Friedrichs II., dem »Soldatenkönig« Friedrich Wilhelm I. (der 1713 die Hofkapelle weitgehend aufgelöst und damit in eine tiefe Krise gestürzt hatte) nicht zum Erliegen gekommen war, gehörte dabei ebenso zu den Verpflichtungen der angestellten Musici wie das Spielen bei offiziellen Ereignissen den Staat und den Thron betreffend. Und wenn man sich das vielfältige bürgerliche Musikleben an Spree und Havel im mittleren und späten 18. Jahrhundert vor Augen führt, wird man auch hier Mitglieder der Königlich Preußischen Hofkapelle tätig finden.

Eine ganze Reihe von prominenten Künstlern waren hier am Werk: die Brüder Carl Heinrich und Johann Gottlieb Graun (der erste als Kapellmeister Friedrichs des Großen und als Opernkomponist eine europäische Berühmtheit, der zweite als Konzertmeister der Hofkapelle in verantwortungsvollen Positionen amtierend), der Komponist, Flötenvirtuose und Musiktheoretiker Johann Joachim Quantz (zudem der einflussreiche Flötenlehrer des Monarchen), Carl Philipp Emanuel Bach, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu »dem« deutschen Komponisten aufsteigen sollte, einstweilen aber noch als Hofcembalist diente und seine Meriten erwarb, sowie der aus Böhmen stammende Franz (František) Benda, der gemeinsam mit seinen Brüdern Johann, Georg und Joseph für die Qualität der Berliner Hofkapelle sorgte und zudem dem König als musikalischer Berater diente. Das Renommee des Orchesters, dessen Fundamente bereits während der Kronprinzenzeit Friedrichs in Ruppin und Rheinsberg gelegt worden waren, begann immer weiter auszustrahlen — nach einer nur allzu spürbaren Krisenzeit unter dem »Soldatenkönig« folgte eine ebenso deutliche Blütephase unter seinem Sohn.

Der Wandel der Zeiten, die Strukturen und Prozesse, die den Entwicklungsgang der Berliner Hofkapelle vom frühen 18. bis zum frühen 19. Jahrhundert bestimmten, als der preußische Staat unter dem Ansturm Napoleons zwischenzeitlich zusammenbrach, um sich mühsam neu zu ordnen (und sich auch zu grundlegenden Reformen imstande zeigte), stehen im Zentrum des zweiten Symposions zur Geschichte der Staatskapelle. Wie bereits 2015, als Historiker, Musik- und Kulturwissenschaftler sowie Künstler zusammenkamen, um verschiedene Aspekte des Themas zu beleuchten — etwa die Zahl und die Aufgabenbereiche der engagierten Musiker, die Rolle der Kapellmeister, die innerdeutsche bzw. internationale Reputation, das Repräsentationsstreben der Herrschenden mittels der Institution Hofkapelle — werden auch in diesem Jahr verschiedenste Teilbereiche in den Blick genommen werden, ohne dabei das große Ganze aus den Augen zu verlieren. Das Berliner Musikleben der friderizianischen Zeit, vor und nach dem für Preußen und den König so einschneidenden Siebenjährigen Krieg, wird ebenso von Interesse sein wie die personale Dimension des Orchesters, die Pflicht und Kür der Musiker, das Wirken in der höfischen wie der städtischen Öffentlichkeit, das Zusammenspiel mit den institutionellen Trägern (was angesichts der unterschiedlichen Erwartungshaltungen und Zielsetzungen der Könige Friedrich Wilhelm I., Friedrich II. und Friedrich Wilhelm II. ein sprichwörtlich »weites Feld« ist) und anderes mehr, wobei natürlich auch Betrachtungen zur rein künstlerischen Entwicklung, zu dem sich weiter hebenden musikalischen Niveau, hinreichend Raum finden sollen. Auch — und gerade — in dieser Hinsicht möge unser Symposion zum Ort für einen lebendigen Austausch werden, für Information und Diskurs.